Ich muss etwa 11 oder 12 gewesen sein. Die 5. Klasse hatte ich beim ersten Versuch nicht geschafft und war in der zweiten Runde. Es war ein heißer Tag im Juni. Meine drei Geschwister und ich saßen im Kinderzimmer. Eben noch hatten wir mit unseren Eltern gegrillt – das gehörte zu den Sommer-Ritualen, an die ich mich gerne erinnere.
Eine Geschichte über einen heißen Sommertag in den 70ern, Bandsalat und einem Fisch namens Kuno. Und über das verrückte Gefühl, dass Geschichten sehr stark sein können und man plötzlich mittendrin mit einem Fischernetz steht. Dazu die Erinnerung, dass man auf dem Weg zum Sieg manchmal einen zweiten Anlauf braucht.
Zwischen Bandsalat und Sommerhitze
Meine Eltern sind dann auf ein Bier in die Eckkneipe, nur ein paar Straßen weiter. Wir saßen noch immer im Kinderzimmer. Mein kleiner Bruder Fynn war damals gerade 5, Charlotte, meine Schwester, 7 und Paul 9. Und Kuno war da. Wie immer stand er im Regal und schwamm in seinem Glasauge seine Runden. Wir hörten gerade noch die letzten Minuten einer Kindercassette – wie oft abends, wenn unsere Eltern nicht da waren. Dann passierte es – Bandsalat. Erinnert ihr euch? Diese langen braunen Bandfäden? Die mühsamen Versuche, mit Bleistift den Salat zu entflechten und mit Pritt-Stift den Riss zu flicken?
Klappte aber dieses Mal nicht. Kuno schwamm mit stoischer Ruhe seine Runden. Ein tristes Leben. Das dämmerte uns genau in diesem Moment zwischen Bandsalat und Sommerhitze. Es musste eine Lösung her für Kuno. Jetzt. Nur wie? Und wo?
Überwindbare Hindernisse
Heureka, das Freibad. Die Idee. Und so nah. Es lag gleich bei uns um die Ecke. Wir brauchten mit Kuno nur schnell über den Zaun und schon war es da, das Paradies für unseren Goldfisch. Gesagt, getan. Fynn zog die viel zu großen Gummistiefel seines Bruders an, Charlotte nahm das Glas mit dem Fisch, Paul holte das Fischernetz aus der Garage und ich übernahm die Führung. So zogen wir los. Das Wasser im Glas schwappte bedenklich auf und ab und wir mussten aufpassen, dass Kuno den Weg zum Ausflug unbeschadet überstand. Und wir mussten den Zaun überwinden, mitsamt Kuno und dem kleinen Bruder in den zu großen Gummistiefeln. Klappte aber. Gegen neun standen wir alle vier + Kuno zusammen am Schwimmerbecken. Charlotte hielt das Glas vor sich und wir diskutierten noch kurz, wo Kuno am besten seine Runden drehen konnte.
Im Rausch der Freiheit
Dann ging es los. Vorsichtig schütteten wir das Wasser mitsamt Kuno ins Schwimmerbecken. Hey, das war ein Spaß. Kuno hüpfte vor Vergnügen. Ja, er hüpfte wirklich, als sei er ein Delphin. Und dann rauschte er davon. Im großen Schwimmbecken konnten wir ihn kaum noch erkennen. Uns wurde flau. Der kleine Kuno im großen Becken. Allein.
Er wurde immer wilder und ungestümer, schwamm aufgeregt hin und her. Beklommen standen wir da. Mit dem leeren Glas, dem Köcher und mit Fynn in den großen Gummistiefeln. Dann fing es an zu dämmern. Kuno musste zurück ins Glas. Wie sollten wir ihn einfangen, so mitten im riesigen Pool?
Weit draußen
Ich nahm den Köcher und furtelte durch das Wasser. Aber Kuno war zu weit draußen. Er schwamm vergnügt weiter seine Runden. Es musste eine Verlängerung her. Charlotte legte sich auf den Bauch, ich hielt ihre Beine ganz fest, sie nahm den Köcher und fischte. Fast hatte sie ihn, dann schwamm er wieder ein Stück nach vorn. Wieder war der Köcher zu kurz.
Okay. Es gab keine Wahl, ich musste ins Wasser. Vorsichtig stieg ich ins Becken mitsamt dem Köcher. Nach ein paar Schwimmzügen war ich direkt neben Kuno und schwups hatte ich ihn im Netz. Gemeinsam ging es zurück zum Rand wo meine Geschwister das Glas schon wieder mit Wasser gefüllt hatten. Mit einem kleinem Schubs rutschte Kuno zurück in sein Glas und wir alle liefen in gleicher Formation über den Zaun zurück nach Hause.
Unsere Eltern waren zum Glück noch nicht zurück. Schnell kam Kuno ins Regal und wir legten eine Cassette ein. Dann ging die Haustür.
Man kann alles schaffen
Kuno hat es nie gegeben. Auch nicht den Ausflug in das Schwimmbad. Aber ich habe drei jüngere Geschwister, Paul, Charlotte und Fynn. Cassetten haben wir oft zusammen gehört und der Bandsalat trennte manche Geschichte von ihrem Ende. Und das Freibad war gleich bei uns um die Ecke.
Und es gab diese Klassenarbeit in Deutsch. Wir sollten eine Geschichte in wörtliche Rede umschreiben. Die Geschichte von Kuno dem Goldfisch und seinem Ausflug ins Freibad. Geschrieben habe ich sie in dieses schwarze Klassenarbeitsheft.
Es war eine 1. Meine erste 1. „Na endlich, Katharina“ stand darunter. Na endlich. Es war ein Durchbruch für mich. Meine Liebe zum Schreiben und zur Sprache war erwacht. Und die Sicherheit, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur will.