Der Schwur

Es fiel mir sowieso nicht leicht, dieses Haus auszuräumen. Das Haus meiner Kindheit.

Gar nicht mein zuhause. Aber doch. Mein Zimmer war woanders, dort, wo ich noch immer oder schon wieder wohne. Zuhause, das war Düsseldorf. In dem alten Haus mit der alten Holztreppe. Es gab mindestens ein geheimes Zimmer. Und ein paar geheime Schränke, aus denen meine Großmutter von Zeit zu Zeit eine Überraschung zauberte. Im Grunde genommen waren alle Schränke geheim, jedenfalls geheim genug, dass ich sie nicht öffnen durfte. Und je mehr ich nicht durfte, desto mehr wollte ich. Aber meine Großmutter, die ich trotz dieser Eigenart über alles liebte, ahnte immer, wenn ich mich mal wieder einem verbotenen Schrank näherte.

Reise durch ein altes Land

Als sie starb, ließ ich das Haus lange unberührt. Ich lief durch die Räume wie auf einer Reise durch ein altes Land. Hörte ihre Schritte auf der Treppe. Fühlte die Decke, unter die ich manchmal morgens schlüpfen durfte, kurz vor dem Aufstehen. Saß lange vor den Schuhen im Schlafzimmer, die sie die letzten Jahre fast immer trug. Und überall dieser Geruch, der jetzt, nach fast 8 Jahren, noch immer da ist, in den Kisten, die ich mitgenommen habe.

Eine geheime Schachtel in einem geheimen Schrank

Es war ein großes Haus mit einer langen Geschichte – länger und facettenreicher als ich es je geahnt hatte. An den Wänden lehnte meine Vergangenheit. Dicht zusammengeschoben, als musste alles bleiben ohne dass man es wollte. In Pergamentpapier eingeschlagene Feldpostbriefe. Eine Schublade voller silberner Bildrahmen mit Fotos von Menschen, die ich nicht kannte und die doch etwas mit mir zu tun haben mussten. Tief verstaubte Teller, deren Goldrand nicht mal mehr zu ahnen war. Und dieser Schrank im Esszimmer. Einer von den Geheimen. Eigentlich unspektakulär. Tischdecken waren darin, das wusste ich. Ich räumte Decke für Decke aus, jede mit einer Geschichte. Weit unten dann, fast unter der letzten Lage, eine in Zeitungspapier eingewickelte Zigarrenschachtel. Eine geheime Schachtel in einem geheimen Schrank. Darin lag, fein zusammengelegt, ein langer blonder Zopf.

Der Schwur

Es war nicht immer leicht, das junge Leben meiner Großmutter. Ihr Bruder, früh erkrankt an einer Meningitis, starb in den frühen 40er Jahren in Grafeneck. Eines der Vernichtungslager der Nazis. Zum Glück, sagte sie immer, hatte ihr Vater das nicht mehr erlebt. Es hätte ihn gebrochen. Nein, kein Glück, es war eine Lungenentzündung, die den großen, stattlichen Mann in nur wenigen Tagen tötete. Ihren Vater, der so viel für sie war. Dessen Geschichten zu meinen Geschichten wurden. Für den sie, das war der Schwur, bis zum Tag ihre Konfirmation, ihre Zöpfe tragen würde. Sie hielt den Schwur. Bis zum Tag ihrer Konfirmation.

Ob es ihr Zopf war? Ich weiß es nicht. Er iegt noch immer in einer dieser Kisten in meinem Keller, die so sehr riechen nach meiner Großmutter.

Portrait von Katharina Bertulat

Hier schreibt Katharina Bertulat. Sie berät und unterstützt Menschen und Teams in Familienunternehmen mit einer fairen Unternehmenskultur. Junge Teams in Aufbruchstimmung. Teams in stürmischen Zeiten. Und Teams, wenn plötzlich alles anders ist.

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